Kommunizierende Röhren. Pipelines als Medien der Vernetzung
Projektleitung: Prof. Dr. Susanne Strätling
Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen: Mathilde Stangenberger, M.A., Dr. Clemens Günther
Technisch betrachtet sind Pipelines Transportsysteme für Rohstoffe in flüssigem oder gasförmigem Aggregatzustand; polit-ökonomisch sind sie Faktor geostrategischer Macht- und Wirtschaftsbeziehungen; symbolisch sind sie Medien, über die Narrative des Kontakts, der Übertragung und der Vernetzung von Subjekten und Kulturen, Räumen und Zeiten kommuniziert werden. Das Projekt analysiert die hier aufgefächerte plurale Funktionalisierung von Pipelines, mittels derer transnationaler Ressourcentransit im hochdynamischen, konfliktreichen Spannungsfeld von Verflechtung und Entflechtung verhandelt wird. Es folgt dabei der Annahme Macdonalds (2017), dass Fernleitungssysteme fossiler Energieträger nicht auf die Sphäre von polit-ökonomischen Interessen und technischen Anlagen zu verengen, sondern als „kulturelle Objekte“ mit hochverdichteter symbolischer und medialer Bedeutung zu erschließen sind. Um Pipelines in ihrer Doppellogik als materielle Infrastrukturprojekte und symbolische Kommunikationsmedien zwischen Verflechtung und Entflechtung zu erschließen, arbeitet das Projekt mit exemplarischen Fallstudien. Im Mittelpunkt stehen dabei drei Pipelineprojekte, die Ost- und Westeuropa energetisch verkoppeln: 1. die Sojuz-Pipeline, die als RGW-Gemeinschaftsprojekt realisiert wurde, um die in den 1960er Jahren bei Orenburg erschlossenen Gasvorkommen nach Zentral- und Westeuropa zu liefern; 2. die Urengoj-Pomary-Užgorod-Pipeline, die als Kernprojekt europäischer Détente-Politik gegen US-Sanktionen durchgesetzt wurde, um ab 1984 Erdgas aus Westsibirien über die Ukraine nach Westeuropa zu transportieren; 3. die Pipelines Nord Stream 1 und 2 (Severnyj potok), die unter Umgehung von Transitländern Erdgas nach Westeuropa lieferten bzw. liefern sollten und zum Symbolobjekt einer neuen Ära des kalt-heißen Kriegs in Europa wurden.
Das Teilprojekt gliedert sich in drei Subprojekte:
- Trasse und Transit: Die Ukraine im Pipelineverkehr zwischen Ost und West
Prof. Dr. Susanne Strätling
Ungeachtet ihrer materiellen Größendimension verbleiben Pipelines mitsamt den durch sie hindurchgeleiteten Rohstoffen zumeist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Die Blindheit für die Infrastrukturen des Ressourcentransports fällt mit einer Vernachlässigung der Räume einher, durch die dieser Transport stattfindet. Sie sind Territorien der Passage, energetische Transitzonen, ein unmarkierter „space of flows“, der auf seine Funktion als Durchgangskorridor verengt wird. Im fossilen Verkehr zwischen Ost- und Westeuropa kam der Ukraine, die eines der weltweit größten Pipelineverkehrsnetze besitzt, die Position eines weitgehend zu neutralisierenden Mediums zu, das störungsfreien Kontakt zwischen Produzent und Abnehmer herstellen soll, selbst aber als eigenständiger Akteur außerhalb des Fokus liegt. Das Subprojekt zielt darauf, diesen übersehenen Zwischenraum sichtbar zu machen. - „Leben mit dem Rohr“. Transformationen, Zirkulationen und Topografien von Energieinfrastrukturen im östlichen Europa
Mathilde Stangenberger, M.A.
Das Dissertationsprojekt untersucht, inwiefern sich Pipelines als materielle Objekte ideell und kulturell manifestieren und welche Narrative und Praktiken dabei bedient und produziert werden. Den Überlegungen liegt die Prämisse zugrunde, dass mit Pipelines neben dem Energietransport auch gesellschaftliche Vorstellungen in Wechselwirkung mit kulturellen Praktiken, Arbeits- sowie Geschlechterverhältnissen entstehen. Dabei legt das Projekt vor allem einen Fokus auf die transformativen, zirkulativen und topografischen Charakteristika von Pipelines. So wird eine multiperspektivische Betrachtung von Pipelines möglich, die ihre Materialität und Gemachtheit adressiert und zugleich über diese physische Dimension hinausgeht. Das Projekt konzentriert sich neben den Pipelines „Sojuz“ und „Urengoj-Pomary-Užgorod“ insbesondere auf die Transgas-Pipeline, die u. a. durch die Slowakei und Tschechien führt. In diesem Spektrum geraten unterschiedliche politische und kulturelle Konfigurationen rund um Pipelines zwischen Ost und West in den Blick. - Transitzone Meer: Unterwasserpipelines und die Entdeckung des Meeresbodens
Dr. Clemens Günther
Die Weltmeere verdienen als spezifischer Transitraum für den Transport von Öl und Gas besondere Aufmerksamkeit. Treiber des Baus von Unterwasserpipelines sind dabei die Expansion der Energieförderung auf den Weltmeeren und die rasante Entwicklung der Ozeanographie. Das Subprojekt interessiert sich für die Verflechtungen zwischen militärischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Logiken der Erforschung und Aneignung der Tiefsee und studiert diese an osteuropäischem Material. Erforscht werden u.a. Bildformeln der Tiefsee im interkulturellen und interdisziplinären Vergleich, (alternative) Geographien des Lebens- und Wirtschaftsraums Ozean sowie Zukunftsentwürfe maritimer Infrastrukturen. Zeitlicher Schwerpunkt ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei Ausblicke auf postsozialistische Entwicklungen gegeben werden.






